Im Reich der Frau Holle

Annette Rath-Beckmann
Historikerin | Matriarchatsforscherin

Die Gabenbringerin als 'Weihnachtsfrau'




In vielen Gegenden Deutschlands, so auch im Meißner-Land, war es Frau Holle, die zu Weihnachten auf ihrem Schlitten in den Dörfern erschien und die Weihnachtsgaben verteilte.


Der Bergmann und sein Weib


Federzeichnung: Frau Holle fährt gabenspendend durch die Dörfer und schenkt der Bergmannsfrau eine goldene Spindel
Frau Holle und die Bergmannsfrau

Federzeichnung von Gisela Heller, 1995
In: Frau Holle: Mythos, Märchen und Brauch in Thüringen, S. 91, Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen



Auch im benachbarten Thüringen, vor allem in Südthüringen, in der Rhön und in Unterfranken war die Holle als Gabenbringerin mancherorts bis in die heutige Zeit unterwegs. So schreibt Andrea Jakob in dem Begleitband zur Meininger Holle-Ausstellung 2009/2010 folgendes:

"In verschiedenen Gegenden war Frau Holle entweder vor dem Christkind, gemeinsam mit ihm oder gar an dessen Stelle präsent ... Sie konnte aber auch ... recht strenge sein, die Frau mit dem Schleiereulengesichte und dem buntscheckigen Gewande, mit der Sichel und dem Wacholderbusch auf dem Rücken und der Besenrute in der Hand.
Schleiereulen-Maske

Schleiereulen-Maske

Plastik und Foto:  Annette Rath-Beckmann


Woher sie kam, Frau Holle, wir wußten es nicht. Sie war da am Weihnachtsabend, schlich durch die stillen Dorfgassen, klopfte an die Türen der Häuser, in denen Kinder des funkelnden Christbaums und der bestellten Gaben harrten und erhielt überall Einlaß ... Ähnliches wurde aus der Umgebung des hessischen Meißners erzählt, daß Frau Holle die unartigen Kinder mit der Rute strafte, wenn sie zu Weihnachten kam. Den Gehorsamen brächte sie Spielzeug, Äpfel und anderes mit. Auch im Göttinger Land erschien Frau Holle als Trägerin der Weihnachtsbescherung und außerdem würde sie an jedem Neujahrsabend mit einem Wagen voller Geschenke durch die Ortschaften fahren."
 

Andrea Jakob, Wer war Frau Holle? In: Frau Holle: Mythos, Märchen und Brauch in Thüringen. Katalog zur Ausstellung in den Meininger Museen 11.11.2009 bis 5.2.2010, hrsg. von den Meininger Museen, 2010, S.115/116; s.a. Anmerkungen 100 bis 104).


Liederbuch - Frau Holle ging durch einen Wald


Im bislang nicht veröffentlichten Nachlass von Karl Paetow
(Nr NL 81265), der sich im Stadtarchiv Bad Oeynhausen befindet, sind Drei Weihnachtslieder überliefert, die Frau Holle als Weihnachtsfrau thematisieren.

  Stadtarchiv Bad Oeynhausen








    Eigenhändige  Zeichnung von Karl Paetow


Frau Holles Weihnacht


Karl Paetow schreibt:

"Wenn die Sonne in der langen Nacht versinkt, wenn der Mond den höchsten Gang vollendet, wenn Frau Holles Federn auf die Dächer schneien, wenn das warme Haus von den Herrlichkeiten süsser Fülle, voll dem Duft der Honigkuchen, Äpfel, Nüsse, Tannenreiser, von den Fragen all der Kinder ihrem Bitten, Lachen, Singen wiederklingt, wenn die Mutter das gebleichte Leinen unterm Tannenbaum ausbreitet und im Herd die traute Flamme summt, dann ist Weihnacht. Dann so sagen wir in unsrem Land, geht Frau Holle bei Menschen um. Und die Mädchen singen von ihr: 
Kommt ein Licht von Sternenhöh,
geht in unsere Herzen ein,
Leuchtet über Nacht und Schnee,
Schaut ihr Mädchen seinen Schein.
Kommt und tanzt im Sternengold,
Denn Frau Holle ist uns hold.

Steht ein Baum im Himmelssaal,
Hängt voll süsser Nascherei'n.
Fleissig drehte tausendmal
Sich das muntere Spinnrädlein.
Weihnacht muss die Arbeit ruh'n,
Denn Frau Holle geht nun um.

Singt ein Vogel Lieb und Treu,
Sitzt auf einem goldenen Zweig.
Morgen kommt die holde Frau,
Kommt aus ihrem stillen Reich.
Birgt ein Kind im warmen Schoss,
Und die Nacht wird hell und gross.
... Überall in der deutschen Erde liegt eine Goldene Wiege vergraben, aus der das Volk sich ewig verjüngt. Überall in den Brunnen und Seen der Heimat leben, nach uralten Glauben die Seelen der Kinder dahin. Überall in der Weihnacht, da sitzt Frau Holle am Borne des Lebens und wirkt das Schicksal der Welt und sinnt in der Mutternacht."
Am kühlen Brunnen
Weilte Frau Holle,
Und wirkte an ihrem bunten Kleid.
Zu ihren Füßen
Eben entsprossen, 
Blühten drei Rosen auf einem Zweig.
Auf dem Berge lodert das Sonnengold
Heilige Nacht, -
Feuerrad bergunter rollt.
Heilige Nacht.
Da werden alle Wasser zu Wein,
Reden Tier und Waldvögelein.

Und sie wirkte
Zeichen und Bilder,
Ins silberne Tuch einen roten Hirsch.
Die goldene Sonne,
Vöglein am Brunnen,      
Den wehenden Jäger auf hoher Pirsch
In der Täler Faltensaum, -
Heilige Nacht, -      
Glanzumhüllt der Tannenbaum
Heilige Nacht.
Da werden alle Wasser zu Wein,
Reden Tier und Waldvögelein.

Und eine Wiege
Schwebte im Winde.
Sage was wiegst du den Sternen zu?
Fröhliche Kunde'
Von einem Kinde 
Wieg es zum Leben und wiegs zur Ruh
Denn Frau Holle wirkt an dem Schicksalsquell.
Heilige Nacht, -
Erd und Himmel werden hell -
Heilige Nacht.
Da werden alle Wasser zu Wein,
Reden Tier und Waldvögelein.
Frau Holle ist hier eindeutig zu identifizieren als Schöpferin in der Mutternacht, der Nacht der Wintersonnenwende, in der das Licht als kleines Kind neu in die Welt kommt. Sie spendet Leben und nimmt es wieder: 'wieg es zum Leben und wiegs zur Ruh' wie es in dem zweiten Lied heißt. Fauna und Flora und die Elemente folgen ihrem 'heiligen Handlungen'; sie ist die universelle Göttin des Himmels und der Erde.
 
































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